Monday, June 24, 2019

“He’s got the whole wide world in His hands”

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Schuldloss
Eine Predigt von Henk Moorman
 
 
 

 
Einen schönen guten Morgen, liebe Brüder und Schwestern.
Ich möchte mit euch eine kurze Passage aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther lesen, und zwar Kapitel 1, ab Vers 4
‚Ich danke Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, an aller Rede und aller Erkenntnis. Denn das Zeugnis über Christus wurde bei euch gefestigt, sodass euch keine Gnadengabe fehlt, während ihr auf die Offenbarung Jesu Christi, unseres Herrn, wartet. Er wird euch auch festigen bis ans Ende, sodass ihr schuldlos dasteht am Tag Jesu, unsres Herrn. Treu ist Gott, durch den ihr berufen worden seid zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn.’
 
Das ist eine bekannt Passage, nicht wahr? Aus dieser Passage möchte ich Vers 8 herausgreifen, also:
‚Er wird euch auch festigen bis ans Ende, sodass ihr schuldlos dasteht am Tag Jesu, unsres Herrn.’
 
In anderen Übersetzungen steht hier ‚schuldlos’‚ ‚unsträflich’ oder  ‚unverklagbar’. Man könnte sagen: So ausgewachsen, dass der Widersacher in uns nichts mehr vorfindet, was er in den Griff bekommen könnte, dass alles ausgewachsen ist. Er findet nichts mehr, was er benutzen kann, mich anzuklagen, schuldlos, unsträflich, unverklagbar.
 
Und nun stelle ich die Frage: Wie erreicht man diesen Punkt? Wie erreicht man den Punkt, wo man schuldlos, unsträflich, unverklagbar ist?
Wir sind seriöse Menschen, nicht wahr? Und wir sind seriös damit beschäftigt, diesen Punkt zu erreichen, oder? Wir sind tüchtig dabei. Wir alle wollen schuldlos werden, sodass nichts mehr in uns vorgefunden werden kann? Wir tun unser Äußerstes, denn wir wollen so gerne nach Gottes Willen leben. Und dann spreche ich von Christen, die sich um ihr Christensein bemühen. Sie sagen nicht: Christensein beinhaltet höchstens zwei- bis dreimal jährlich zur Kirche – jedenfalls zu Weihnachten – und weiter belassen wir’s dabei. Nein, wir sprechen dann von Menschen, die sich seriös um ihr Glaubensleben bemühen. Und es gibt viele Christen, die sich enorm anstrengen und sich seriös um ihre Schuldlosigkeit bemühen. Die ablegen, was sich nicht geziemt, sich nicht gehört, denn das ist doch Gottes Wunsch, nicht wahr?
Und das ist auch, was die Außenwelt bei uns zu beurteilen sucht. Wenn man an Christen Kritik übt, dann hört man meistens: „Ja, ja, man nennt sich Christ, besucht die Kirche, aber .....“ und dann vernimmt man in den meisten Fällen die Unvollkommenheiten und die Dinge, die nicht dem entsprechen, was man sagt. An und für sich ist das nicht verkehrt, finde ich, dass man sagt: „Du sagst, du bist ein Christ, zeig’s mir!“
So fremd ist das nun auch wieder nicht. Aber es ist die Frage, ob man da anzufangen hat. Denn, wenn man diese Passage liest, dann ist die Schuldlosigkeit die Folge. Es ist die Folge von etwas. Und dann nicht die Folge von Handlungen, die du vornimmst! Es ist die Folge von etwas, was der Herr tut, denn DAS steht da!
Wie wird man schuldlos am Tag Jesu, unseres Herrn? Indem er uns bis ans Ende festigt. Und damit fängt es an. Und das nun kehrt die Sache gerade um. Schuldlos sein, es ist keine Anklage mehr gegen dich möglich, das ist die Folge von etwas, was Gott an uns tut. Er festigt uns. Und „festigen“ heißt hier: etwas fest, stabil, beständig machen. Und wenn man diesen Gedanken fortführt, heißt es auch: zuverlässig, glaubwürdig, echt, vollständig.
Das ist, was Gott aus dir macht, sagt Paulus hier im Korintherbrief. Er macht, dass du vollständig bist. Nicht zwei, sondern eins wie der Vater selbst eins ist und unabänderlich gut. Er macht dich glaubwürdig, sodass Menschen sagen können: „Wenn er oder sie das sagt, dann stimmt es, denn du kannst dich auf ihn oder sie verlassen.“ Er macht dich zuverlässig, sodass man sagen kann: „Wenn er oder sie das verspricht, dann findet es auch statt, dann kommt es auch in Ordnung, darauf können wir uns verlassen.“
Es fängt jedoch mit Gott an, mit dem Vater, der dich darein festigt, die dich zuverlässig, glaubwürdig macht, sodass du bist, wer du bist. Immer und unter allen Umständen. Und in diesem Zusammenhang, glaube ich denn auch, dass du nach deinem Vater schlägst, dessen Name JHWH, „Ich bin, der ich bin“ lautet. Denn das ist schon das Allerschönste, finde ich, dass Gott daran arbeitet, dass du ganz und gar Mensch wirst. Das ist ein Kapitel, auf das ich immer wieder zurückkomme, das werdet ihr mittlerweile schon bemerkt haben.
Denn man sieht in der religiösen Welt, dass es für eine große Anzahl von Christen das höchste Erreichbare ist und woran man also zu arbeiten hat, dass man sich über sich selbst erhebt. Dass man von sich selbst loskommt und vollständig in Gott aufgeht, denn dann bist du erst wirklich geistlich – glaubt man. Und dann sieht man es als einen Beweis des Geistlichseins, dass man sich selbst nicht mehr unter Kontrolle hat, dass man außer sich gerät. Während Gott von Anfang an dabei ist, Menschen zu machen als sein Abbild, ihm ähnlich (Gen 1 26).
 
Mensch, das bist du also selbst. Ganz und gar Mensch. Und Menschwerdung findet immer in einer Beziehung statt. Es gelingt einem nie, auf einer „unbewohnten Insel“ Mensch zu werden. Und diese unbewohnte Insel kann das Leben sein, in dem du dich mittendrin befindest. Das braucht nicht die Stille Südsee zu sein. Man kann als Mensch ganz allein auf einer unbewohnten Insel leben, auch wenn man inmitten anderer Menschen lebt. Aber das ist kein Leben, das ist kein Menschsein. Daher der Ruf Gottes: : „Komm zu mir, mache alles gemeinsam mit mir. Ich such dich, Mensch. Ich will nicht ohne dich. Ich will nicht ohne dich!“ Und wenn wir „dich“ nun betonen: „Ich will nicht ohne dich!“
In einer Beziehung wirst du Mensch, auch in einer Beziehung miteinander, mit anderen Menschen. Auf einer der ersten Seiten der Bibel steht: ‚Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (Gen 2 18) Wir brauchen uns gegenseitig und Gott hat uns aneinander gegeben. Und wenn da steht: ‚Gott festigt DICH, dann heißt das, dass er deine Persönlichkeit zum Ausgangspunkt nimmt. Und daraus macht er etwas Schönes. Deine Persönlichkeit ist also einschließlich deiner Wünsche, deiner Sehnsüchte, deiner Charaktereigenschaften, deiner Fähigkeiten, usw. usf.
Damit macht Gott sich an die Arbeit und das festigt er. Das macht er solide, das macht er eins. Und dann kann man sich von dem komischen Gedanken lossagen: Wenn der Herr sich wirklich mit meinem Leben befassen wird, dann lässt er mich Dinge tun, die gar nicht zu mir gehören, dann verlangt er bestimmt, dass ich Dinge tue, die ich eigentlich überhaupt nicht tun möchte, die gar nicht zu mir passen. Denn - ist wahrscheinlich der Gedanke - wenn sich das dann doch auswirkt, dann ist es wenigstens Gott, der die Ehre bekommt und nicht ich, denn ja ...... ich konnte auf diesem Gebiet, nichts, überhaupt nichts.
Dann denke ich, wie ist es möglich, dass du so etwas glaubst! Gesetzt den Fall, dass du als Führender sagst: Es ist eine komplizierte Arbeit zu erledigen und nun suche ich für diesen Job welche, die auf diesem Gebiet nichts können, die keine Ahnung davon haben, die keine Ausbildung dafür haben, dafür nicht das Gespür haben, und die werde ich dafür einsetzen. Denn, wenn dies geschieht, dann ist es deutlich, dass, wenn es nicht gelingt, die Ursache nicht bei den Mitarbeitern, sondern beim Manager gesucht werden muss. Was denkt ihr, wie lange wird dies gut gehen? Ich glaube, dass ein solches Unternehmen schon sehr bald Bankrott macht. Und ein Manager, der ein solches Unternehmen führt, wird sehr schnell hinausgeworfen.
Gott ist schon weiser. Er schließt sich den wunderschönen Eigenschaften an, die er dir geschenkt hat. Bei einer Person sind es diese Eigenschaften, bei der anderen jene. Diese Eigenschaften lässt er auswachsen, zur vollen Blüte kommen.
Betrachten wir mal unser eigenes Leben: Liebe, natürlich hast du Liebe, ist die Liebe jedoch bereits ausgewachsen? Ich kann euch sagen, bei mir nicht. Gott jedoch festigt es; er macht, dass auch diese Liebe durch und durch zuverlässig wird, eins und unabänderlich. Sodass, wenn man unter Druck gerät, noch immer Güte aus dir zum Vorschein kommt. Nimmt der Druck zu, so kommt noch immer Güte aus dir hervor. Keine Gutherzigkeit, denn das ist etwas anderes. Wir dürfen gewiss deutlich sein, wir dürfen bestimmt unsere Grenzen angeben, aber Hauptsache ist, dass aus dir nie Gewalt hervorkommt. Ja, ich weiß, Gott hat noch viel zu tun, wenn ich mich selbst betrachte.
Vom Menschen wird dann natürlich erwartet, dass du, ich, dass wir für Korrekturen aufgeschlossen sind. Denn wenn Gott uns zu festigen anfängt und uns eins macht, ist es sehr gut möglich, dass er zu uns sagt: „Lieber Mensch von mir, in deinem Leben befinden sich noch viele Dinge, die du wegtun kannst, denn sie stehen dir im Wege.“
Und zu einem unter uns wird er sagen: „Lass die Opferrolle hinter dir, verabschiede dich von der Rolle, in der du immer sagst: „Ich bin eine bedauernswerte Person und es liegt immer am andern.“ Du befindest dich im Treibsand, du versinkst darein, du bist nicht imstande, wirklich zu leben, und du benutzt Tricks, damit andere sich deinem Willen beugen.
Und zum andern wird er sagen: „Du meinst es wahrscheinlich sehr gut, aber hör endlich mal auf, andere Mensen zu lenken und Dinge für sie zu regeln, sie in die Richtung zu drängen, von der du glaubst, dass sie die beste ist. Du schaffst keine Freiheit, du meinst es gut, aber du beherrschst, du bist dominant. Leg das ab!“
Die Frage lautet also: Bin ich aufgeschlossen für Korrekturen? Denn im Reiche Gottes ist die Freiheit unermesslich! Die Voraussetzung ist jedoch, dass du für Hinweise des Geistes aufgeschlossen bist. Und diese Hinweise können auch über Menschen zu dir kommen. Du brauchst eine Korrektur nicht zu akzeptieren, weil Menschen es sagen. Es gilt, dass du dein eigenes Tun und Lassen gegen das Licht halten willst, das Licht des Evangeliums, und dass du dafür aufgeschlossen bist, dich von Gottes Geist überzeugen zu lassen. Und unter anderem aus diesem Grund hast du letztendlich den Heiligen Geist erhalten.
 
Ist es nun so gemeint, dass wir Gottes Geist in allen Aspekten unseres Lebens offenbaren? Ich glaube, dass das nicht möglich ist. Gott ist so voller Güte, so unendlich voller Liebe, so unvorstellbar kreativ. All diese Wesenszüge können in diesem einen Menschenleben von mir jedoch nie zum Vorschein kommen! Aus diesem Grund hat Gott, glaube ich, eine Vielzahl von Menschen geschaffen, eine Menschheit, damit die Vielfarbigkeit seines Wesens in allen Menschen zum Vorschein kommt.
Ich bin davon überzeugt, dass Gottes Wesen gerade wieder in den Dingen zum Vorschein kommt, die zu dir gehören. Und wenn du dir davon bewusst bist, dass schuldlos werden das Ergebnis ist von dem, was Gott an dir tut, dann verstehst du gleichzeitig, dass das nicht das Ergebnis von eigenen Hack- und Schneidetätigkeiten sein kann.
Es gibt viele Gläubige, die sagen: „Oh ja, ich will und muss vollständig schuldlos werden, unsträflich, unverklagbar. Wenn ich das erreichen will, so habe ich in meinem Leben damit Schluss zu machen, dann habe ich das wegzutun, das muss verschwinden, das schneide ich aus meinem Leben heraus. Und wenn ich alles Schwarze und alles, was nicht dazugehört, weggeschnitten habe, dann kommt endlich der Mensch Gottes zum Vorschein, sein Abbild, ihm ähnlich.“
Ich glaube jedoch, dass es so nicht funktioniert. Und wenn es dir trotzdem gelingt, dann hast du mit deinem Geschneide aus dem Vater ein Bildnis gemacht. Und in der Bibel in Exodus 20:4 in den zehn Geboten steht sehr deutlich:
‚Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen, weder dessen, das oben im Himmel, noch dessen, das unten auf Erden, noch dessen, das in den Wassern, unterhalb der Erde ist.’
Höre mit dem Schneiden in deinem Leben auf und lass Gott dich festigen. Natürlich, wenn du dir davon bewusst wirst, dass es Dinge in deinem Leben gibt, die du abzulegen hast, sei dann konsequent und entschlossen. Aber, weil du dir davon bewusst wirst und du darauf verzichten willst. Wir alle wollen doch rein leben. Und dies ist dann nicht von außen her auferlegt worden.
 
Was ich euch rate, ist Folgendes: Fange auf der guten Seite an. Fange nicht von hinten an, fange nicht an bei dem, was eine Folge zu sein gehört, sondern fange vorne an. Fange bei der Festigung an! Unzählige haben das verfehlt. In deren Jugend und in der Art und Weise, wie sie herangewachsen sind. Jeder Mensch braucht die Festigung, dass du dich sehen lassen kannst, dass es wichtig ist, dass es dich gibt. Dass man dich mag. Das ist Festigung! Ich glaube, dass Gott deshalb auch damit anfängt. Es ist so fundamental: Es bildet die Basissicherheit in unserem Leben. Dass man weiß: Ich werde gefestigt, Gott sagt ja zu mir. Gott sagt: „Ich glaube an dich“. DAS ist Festigung. Fange also auf besagter Seite an und beziehe Jesus mit in dein Leben ein, beziehe ihn ganz konkret in deine Existenz ein, denn DAS möchte er so gerne. Er ist kein Herr auf Distanz, der dich wegschickt mit der Aufgabe: Also, hier hast du eine Gebrauchsanleitung und eine Streckenkarte, das ist die Endbestimmung und dort treffen wir uns wieder. Er macht sich zusammen mit dir auf den Weg, der, wenn es erforderlich ist, mit dir im finstern Tal wandert. Und wenn ich mir die Geschichte Israels anschaue, dann kann man sagen, dass er derjenige ist, der MIT dir auf den Weg geht, auch wenn du den falschen Weg wählst. Denken wir an Israel, das so gerne einen König wollte wie die Völker ringsherum.
Gott sagt: „Ich rate euch, das nicht zu tun. Wollt ihr aber unbedingt einen König, dann bekommt ihr einen König.“ Und Gott arbeitet dann mit an etwas, was überhaupt nicht zu seinem Plan passt. Anstatt zu sagen: „Ihr müsst es nun selber wissen, ihr wollt doch unbedingt einen König, nun, ihr dürft euer eigenes Süppchen kochen, aber dann ohne mich!“
Nein, Gott ist anders! Und das finde ich großartig! Und dadurch kann man ein beträchtliches Maß an Spannung hinter sich lassen, die Angst, einen falschen Weg zu wählen, einen falschen Weg einzuschlagen, eine falsche Wahl zu treffen, weil man weiß, dass Gott hinter dir steht.
Welche Entscheidung du auch triffst, Gott liebt dich! Er liebt dich ja bedingungslos. Er hält dich trotzdem fest.
Es sei denn, du sagst wissentlich: „Ich brauche Gott nicht!“ Aber das können wir uns nicht vorstellen, nicht wahr?
 
Fangen wir also auf der richtigen Seite an und feiern wir das Fest der Wiedervereinigung mit Gott. So lesen wir nicht in der Bibel, dass im Himmel große Freude herrscht, wenn ein Mensch schuldlos geworden ist. Nein, im Himmel herrscht große Freude, wenn sich ein Mensch dem Herrn zuwendet. Das finde ich großartig, dass Gott sagt: „Habt ihr das gesehen, wieder ein Mensch, der mich gefunden hat!“ Große Freude im Himmel. Und die Schuldlosigkeit? Die wird schon kommen. Gewiss: Herr Jesus sagt: „Ihr sollt aber vollkommen – also schuldlos – sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ (Mat 5 48). Man kann das entweder als ein Gesetz, einen Auftrag oder als ein Versprechen lesen. Es IST ein Versprechen: „Ihr werdet schuldlos wie euer himmlischer Vater sein.“ Haltet euch nur daran fest und lasst euch festigen, dann werdet ihr sehen, dass dieses Versprechen Wirklichkeit wird. Dass Gott sein Versprechen in dir verwirklicht. Gott sucht, dich zu heilen, dir zu helfen, dich schuldlos zu machen.
Es ist also wichtig, dass auch ich es wage, Kind zu sein. Denn wir reden von einem Vater. Ich weiß, jeder hat wieder ein anderes Bild von einem Vater. Es gibt welche, die sehr schlechte Erinnerungen in diesem Zusammenhang haben, ein schlechtes Bild. Ich spreche von einer Person, auf die man sich verlassen kann. Jemand, von dem man sagen kann: Da gibt es jemanden, der sich um mich kümmert, es gibt jemanden, der den festen Boden unter meinen Füßen bildet. Es gibt jemanden, dem ich mich vollständig anvertrauen kann. Dieser Gedanke, wieder Kind zu sein.
Manchmal denke ich, dass sehr viele Christen, und hierbei denke ich vor allem an evangelikale Christen, gerade diese Phase überschlagen haben. Haben wir Zeit genug bekommen, Kind zu sein, als wir geistlich geboren wurden? Gibt es nicht viele, die sich sofort als Erwachsene zu verhalten hatten? Die sich stark aufzuführen, sofort zu kämpfen, Verantwortlichkeit zu tragen hatten! Denn „wir sind die Könige Gottes und überwinden die ganze Macht des Feindes.“ Haben wir Zeit gehabt, Kind zu sein, zu erfahren, dass es nicht unsere Kraft oder Gewalt ist, dass sich Dinge ändern und dass der Feind überwunden wird, sondern dass es die Kraft Gottes ist? Dass es keine gewalttätige Kraft ist, sondern die Übermacht seiner Liebe und die Kraft seines Lichtes? Er ist ausschließlich Licht, dem die Finsternis zu weichen hat!
Kind sein im Reich Gottes ist sehr wichtig.
Das war beim Herrn auch der Fall. Die Jünger sprachen unterwegs ausführlich darüber und zu einem bestimmten Zeitpunkt fragen sie den Herrn: „Herr, wer ist der Größte?“ Wer ist der Größte im Reich Gottes? Jeder von ihnen sah sich bereits auf dem Thron neben ihm. Und dann sagt Jesus ganz einfach, nachdem er ein Kind genommen hatte und es neben sich stellte: „Wer dieses Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer unter euch allen der Kleinste ist, der ist groß.“ (Luk 9:47,48). Anders gesagt: Wer nicht wird wie ein Kind, erreicht den Thron nicht, schlimmer noch, betritt nicht das Reich Gottes. Das ist offenbar, worum es sich hier dreht. Diese Gesinnung, die zum Kind gehört.
Ich denke an das Gleichnis vom Vater mit den zwei Söhnen. Meistens heißt das Gleichnis vom verlorenen Sohn. In diesem Gleichnis ist jedoch die Rede von zwei Söhnen, einem jüngeren und einem älteren. Und nun sagt der jüngere zu einem bestimmten Zeitpunkt: „Vater, mir reicht’s, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Ich gehe.“ Und wisst ihr, was hier das Auffällige ist? Dass der jüngere, der seinen Vater verlässt, damit fortfährt, fortwährend von dem Vater zu reden. Und als er in einem fernen Land ist und seinen Hunger mit den Futterschoten für die Schweine stillen will, dann sagt er: „Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt, usw. usf. Lest das Gleichnis mal in Luk 15 nach.
Er spricht fortwährend von seinem Vater.
Der ältere, der zuhause geblieben ist, bringt das Wort „Vater“ sogar nicht einmal über die Lippen, nicht einmal.
Was ist nun der Unterschied zwischen den beiden Söhnen? Der ältere lebt, als hätte er keinen Vater, als wäre er kein Sohn. Er lebt wie ein Tagelöhner, wie ein Knecht. Das Verhältnis zwischen diesem Jungen und dem Vater ist wie zwischen Knecht und Herrn, Sklave und Meister. Und das Höchste, was dieser Junge erreicht hat – er sagt das selbst zu einem bestimmten Zeitpunkt – ist: „Ich habe nie gegen deinen Willen gehandelt“ oder, was in einer anderen Übersetzung seht: „Ich habe nie dein Gebot übertreten.“ Er sagt hier also eigentlich: Ich bin immer tadellos, vollkommen, schuldlos gewesen. Und dann sagt Gott zu ihm: Wer hat das von dir verlangt?
So genau steht es da nicht, das füge ich dem Gleichnis hinzu. So war das leben des älteren. Sein Leben war darauf ausgerichtet, es dem Vater recht zu machen. Wenn du mir befahlst, ich tat es, wenn du mir etwas verbotst, ich tat es nicht, ich habe nie dein Gebot übertreten. Er war vollkommen, schuldlos, tadellos, nach den Maßstäben des Knechts gemessen. Aber wie viel Freude, wie viel Leben steckte in seinem Dasein? Nicht viel. Und wie viel Raum gab es für den anderen? Auch nicht viel, denn als sein jüngerer Bruder wieder nach Hause kommt, ist der Vater überglücklich, der ältere Sohn ist jedoch griesgrämig: „Kaum ist er gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.“
Und der Vater sagt dann: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.“ Und gerade das war ihm nie eingefallen! Nein, so etwas fällt einem Sklaven, einem Knecht nicht ein, denn das kommt dem Sohn zu.
Das finde ich nun ein gutes Beispiel dafür, wie jemand sein ganzes Leben lang dabei gewesen ist, schuldlos, tadellos, vollkommen zu sein, es seinem Vater recht zu machen. Und dann sehen wir einen Vater, der sagt: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.“ Das ist immer so gewesen. Wer jedoch wie ein Knecht, wie ein Sklave lebt und denkt und nicht als ein Sohn, ist nicht imstande, das zu erfassen. Er kann sich auch nicht an der Freude beteiligen. Der ältere Sohn weigert sich, am Fest teilzunehmen, er bleibt draußen stehen. Seine Einstellung zum Leben machte, dass er sich selbst zu einem Außenseiter machte, wenn es die Freude des Reiches Gottes gilt.
Ach, ich glaube, dass jeder Mensch schon etwas von beiden Söhnen in sich selbst wiedererkennt. Und ich glaube auch, dass man ihrem Benehmen in mancherlei Hinsicht nicht folgen soll. Dem älteren könnte man folgen, indem man in unmittelbarer Nähe des Vaters bleibt, aber nicht dadurch, dass man mittels Pflichterfüllung versucht, es dem Vater recht zu machen, versucht, die eigene Gerechtigkeit zu bewerkstelligen. Sonst könnte man am Ende des eigenen Lebens noch sagen: Vater, es ist mir gelungen, an mir ist nichts anzumerken, ich bin tadellos, schuldlos, vollkommen. Aber wofür ist Jesus gestorben? Man wird ausschließlich dadurch schuldlos, dass ein anderer, Jesus Christus, ein für alle Mal dem Ankläger den Mund verboten hat, indem er an deiner Stelle der Angeklagte geworden ist.
Und ich rate euch, dem jüngeren Sohn nicht zu folgen, indem ihr sagt: „Vater, mir reicht’s, ich breche auf.“ Folgt ihm jedoch, indem ihr ihn immer mit euch tragt, wo immer ihr auch seid, in welcher Verfassung ihr euch auch befindet. „Ich habe einen Vater, auf den ich mich immer verlassen kann.“
Und lernt von diesem Vater, denke ich dann, indem ihr immer sagt: „Meine Tür steht immer offen, ich habe dich immer herbeigesehnt, immer. Ich freue mich, dass du wieder da bist!“
Also, wer sagt, dass es den Kindern Gottes noch an einigem fehlt und mangelt, hat Recht. Aber, wer das aber zum Problem macht, rate ich, sich an den Vater zu wenden. Denn der Vater macht das nicht zum Problem. Er sagt: „Ich habe euch vollständig akzeptiert, wie ihr seid.“ Liebe ist bei Gott bedingungslos.
Wir haben einen Gott, der sagt: Ich liebe dich, so wie du bist. Und wie du jetzt bist, so ist es gut. Von dieser Situation aus arbeiten wir zusammen, um etwas Schöneres zu erreichen.“ Ja, feiert das Fest, das Fest der Wiedervereinigung mit Gott! Denn, warum sollte das nur im Himmel von den Engeln gefeiert werden? Feiert das Fest auch auf Erden, in deinem eigenen Dasein, und glaube, dass Gott dich festigt.
Und der Tag, und nur der Vater weiß wann, kommt, dass wir sagen können: Ich gleiche dem Vater, es ist keine Spur von Finsternis in mir. Ich bin wie der Vater eins, ich bin ausschließlich gut. Schuldlos. Und das ist dann nicht das Ergebnis meiner eigenen Anstrengungen. Das ist dann nicht die Folge davon, dass ich jahrelang eine Gemeinde besucht habe, dass ich bis zu meinem Sterben zur Kirche gegangen bin, sodass du sagen kannst: „Vater, ich habe es verdient!“
Nein, es ist die Folge der Güte und der Gnade Gottes, die der Vater dir erwiesen hat. Bei vielen Christen, die nicht als Sohn sondern als Knecht leben, ist der Gedanke „Dienen ist Verdienen“ tief in ihrem Dasein verankert. Je mehr ich Gott diene, um so mehr verdiene ich seine Anerkennung! Wir sehen das auch bei den Arbeitern im Weinberg: Diejenigen, die am längsten gearbeitet hatten, glaubten, dass sie Anspruch auf eine höhere Belohnung hatten als diejenigen, die viel kürzer gearbeitet hatten, denn dienen heißt doch verdienen?
So funktioniert das jedoch nicht im Reich Gottes. Bei Gott bekommen wir nicht, was wir verdienen. Gewöhnen wir uns an diesen Gedanken! Wir bekommen nicht, was wir verdienen, wir bekommen, was wir brauchen. Und das ist viel mehr, als wir verdienen! Das Allererste, was wir nicht verdienen, was wir jedoch bekommen haben, ist unsere Gerechtigkeit: unverklagbar, weil uns das durch Gottes Gnade geschenkt wurde. Ich rate euch: Nehmt diese Gnade an und lebt als ein Sohn.
 
Amen
 
Lasst uns beten.
Herr, wir danken dir, dass du so voller Güte bist, dass du überströmst vor Güte. Dass dies bei dir auf allen Seiten heraussprudelt. Wir danken dir, dass du uns so machst, trotz allem, ausschließlich gut, indem du uns deine Gnade schenkst.
Ich bete, Herr, dass wir uns deine Gnade gefallen lassen. Das wir uns vom Leben wie ein Knecht lossagen. Denn bei dir ist nur Überfluss. Ich bete, dass wir das akzeptieren. Herr, damit segnen wir uns gegenseitig für die kommende Zeit. Dass das die Kraft ist, mit der wir fortfahren.
Amen